Christian David fällt den ersten Baum zum Aufbau Herrnhuts

 

Der 13. August 1727, Erweckung und Aufbruch

Der 13. August 1727 wird noch heute in Herrnhut als besonderer Feiertag begangen. An diesem Tag wurden die Brüder und Schwestern Herrnhuts, die aus den verschiedensten Ländern stammten und unterschiedlichste Glaubensbekenntnisse vertraten, erweckt. Der 13. August begründete den eigentlichen Aufbruch der Bewegung der Herrnhuter Brüdergemeine und nur durch dieses Ereignis konnten die Visionen Zinzendorfs später verwirklicht werden. Die Erweckung kam nicht blitzartig, sondern bahnte sich in den Sommermonaten 1727 an.

Am Sonntag, den 2. Juli 1727 kam Magister Schwedler, ein zündender Prediger aus Nieder-Wiesa, einem Dorf in der Nähe, nach Berthelsdorf, um zu predigen. Tausende Menschen strömten an diesem Tag in den Ort, um am Gottesdienst teilzunehmen. Da die Kirche in Berthelsdorf viel zu klein war, predigte Rothe auf dem Friedhof und Zinzendorf gleichzeitig in Herrnhut. Am Nachmittag kam Schwedler nach Herrnhut und predigte noch einmal im Freien. Am Abend traf auch noch Magister Scheffer aus Görlitz ein, der wiederum predigte. Zwei Tage später legte Zinzendorf die im letzten Kapitel erwähnten Statuten des Brüderlichen Vereins den Brüdern und Schwestern zur freiwilligen Unterschrift vor. Die Elite der Mähren unterschrieb die Urkunde.

Zugleich setzte eine Bussbewegung in Herrnhut ein. Im Nachbarort Strahwalde sass eine junge Mörderin im Gefängnis und erwartete ihre Hinrichtung. Dies erregte die Gemüter der Herrnhuter.

"Wer wird wohl für die Seele dieses Menschenkindes sorgen?"

fragten sich die Brüder und Schwestern. Dem Ortspfarrer begegnete man sehr skeptisch und bezweifelte seine seelsorgerischen Fähigkeiten. Verschiedene Brüder, wie auch der Graf Zinzendorf, versuchten eine Sprecherlaubnis mit der Inhaftierten zu erhalten, sämtliche wurden jedoch abgewiesen. In diversen Gruppen wurde in Herrnhut für die Verurteilte gebetet. Ein Tag vor der Hinrichtung bat der Graf die Gemeine zur öffentlichen Fürbitte. Auch weitere Versuche Zinzendorfs und anderer Brüder am Hinrichtungstag, dem 18. Juli 1727, mit der Frau zu sprechen, scheiterten am Strahwalder Standesherrn.

"Während der Hinrichtung "fiel Zinzendorf mit vielen Brüdern auf die Erde und versenkte sie in der Tiefe der Liebe Gottes…""

Vier Tage nach der Hinrichtung reiste Zinzendorf nach Schlesien und die Herrnhuter waren auch während seiner Abwesenheit weiterhin bewegt. Vor allem Christian David leitete Bibelbesprechungen. An den Treffen wurde den Männern und Frauen bewusst, dass sie sich nicht auf dem Pfad der Liebe befanden.

"Verdacht, Neid und Ärgernis müssen schwinden"

Die Zeit danach, vor allem der Zeitraum nach dem 4. August 1727 (Zinzendorfs Rückkehr) schweißten die Menschen in Herrnhut zusammen. Der Graf vermittelte den Menschen die Geschichte und Ordnung der böhmischen Brüder-Unität, von der er auf seiner Reise erfahren hatte. In der Historie von Johann Amos Comenius (1592-1670) erkannten die böhmischen und mährischen Glaubensflüchtlinge ihre eigene Geschichte und waren von dieser tief beeindruckt. Die Brüder wachten die ganze Nacht auf dem Hutberg.

"In der Mitternacht war auf dem Hutberge eine grosse Gebetsversammlung mit der innigsten Bewegung. Den Anfang machte ich mit dem Liede: "So ruht mein Mut in Jesu Blut und Wunden" und den Schluss früh morgens mit dem Vers "Das ewge Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein, es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht…""

Zinzendorf wanderte nach der Gebetsnacht nach Grosshennersdorf und Berthelsdorf und erfuhr in vielen Gesprächen mit den Einwohnerinnen und Einwohnern, dass die Gebete der vergangenen Nacht nicht wirkungslos geblieben waren.

Das Treiben ging noch während der ganzen Woche so weiter. Der Graf wurde von einigen Leuten, denen es langsam unheimlich wurde, angegriffen. Sie baten ihn, die Stimmung nicht noch mehr anzuheizen und nicht noch mehr

"Gelegenheit zu äusserlichen Erweckungen und Regungen zu machen."

Der Graf musste aber gar nichts mehr machen, denn die Dinge nahmen zwangsläufig und ohne sein Zutun auch so ihren Lauf.

Am Sonntag, den 10. August 1727, tauchte plötzlich Magister Rothe in der Predigtwiederholung von Zinzendorf auf, was sehr unüblich war.
Von einem unwiderstehlichen Drang gepackt, warf er sich während der Versammlung vor Gott nieder, mit ihm sank die ganze Gemeinde auf die Knie, "fast ausser sich selbst". Bis um Mitternacht wechselten jetzt Gebet, Gesang, Wort Gottes und alles "mit Weinen und Flehen".

Rothe blieb über Nacht und schrieb am nächsten Morgen einen flammenden Brief an den Grafen und lud ihn und die gesamte Gemeinde für den folgenden Mittwoch zum Gottesdienst mit Abendmahl ein.

Die Einladung wurde ohne Zögern angenommen. Die Herrnhuter bereiteten sich sehr ernsthaft auf die Abendmahlsfeier vor, da es die erste gemeinsame Feier mit Abendmahl seit der beginnenden Erneuerung sein würde. Hier wurde der Grundstein gelegt, dass künftig die Aufnahme in die Abendmahlsgemeinschaft zum entscheidenden Eingliederungsakt in die Gemeine sein sollte. Am Vorabend des 13. August legte der Graf erneut die Statuten der Gemeinde vor.

"Die Statuten wurden von den Brüdern und Schwestern zugleich unterschrieben."

Am Morgen des 13. August 1727 schritt die gesamte Herrnhuter Gemeinde die Allee hinunter zur Berthelsdorfer Kirche. Alle waren von einer einzigartigen Bussstimmung erfasst.

"Alle Leute, die am 13. August 1727 beisammen waren, die waren mit sich selber gar unzufrieden … ein jeder war sich wohl bewusst, dass er nichts taugte und in dieser Bewusstheit kamen sie alle vor den Heiland."

Zerstrittene gingen nebeneinander und sicherten sich der gegenseitigen Vergebung zu. Während des Gottesdienstes segnete Rothe zwei Konfirmierte ein, als die ganze Gemeinde auf die Knie fiel.

Das Lied "Hier legt mein Sinn sich vor dir nieder" wurde gesungen und das Singen wurde vermischt mit Weinen und Schluchzen.

"Einige Brüder trugen dann im Gebet dem Herrn ihre gemeinschaftliche Not vor. Sie baten Gott, ihnen den rechten Weg zwischen falscher Kirchlichkeit auf der einen Seite und Separatismus auf der andern zu weisen. Sie konnten nicht verschweigen, welche Not ihnen der ganze Volkskirchliche Apparat mit der "christlichen Markierung des Rahmens und der Existenz des Herrn Jedermann" immer noch bereitete."

Zinzendorf trat dann vor und legte die Generalbeichte im Namen der gesamten Gemeinde ab, danach folgte die Absolution. Die Herrnhuter gingen wieder heim und verbrachten die folgenden Tage in

"…stiller und freudiger Fassung und wir lernten lieben."

An diesem 13. August wurden alle Differenzen unter den Herrnhutern ausgelöscht und die Anreden "Bruder" und "Schwester" wurden von diesem Tag an unter den Herrnhutern Usus.

Das Erweckungserlebnis zeigte die Erkenntnis der Schuld untereinander und vor Gott auf. Die Brüder und Schwestern hatten verstanden, dass eine fruchtbare christliche Gemeinschaft nur als versöhnte Gemeinschaft funktionieren kann. Nicht fromme Leistungen sollten im Mittelpunkt stehen, sondern das Zentrum ihres Glaubens sollte die Erlösung durch das Blut Jesu Christi sein. Die Motive der weltweiten Wirksamkeit der Brüdergemeine wurden durch diese Erweckung definiert:

  • Das Wissen um die Verlorenheit jedes Menschen vor Gott
  • Die Neuentdeckung der Botschaft von der Rechtfertigung aus Glauben
  • Der Versuch des Aufbaus einer Gemeinde mit eigenständigen Strukturen und Ämtern im Rahmen des vorhandenen Staatskirchentums
  • Das daraus folgende missionarische Wirken
  • Der Aufbau einer Diaspora-Arbeit, eines Besuchsdienstes unter den Christen aller Konfessionen.

Zinzendorf beschrieb diesen Tag als

"einen Tag der Aussgiessung des heiligen Geistes über die Gemeine", "ihren Pfingsttag".

und David Nitschmann meinte:

"Von der Zeit an ist Herrnhut zu einer lebendigen Gemeine Jesu Christi geworden."

 
© Anita Zimmerling Enkelmann 1998-2005