Zinzendorf als Junge

  Kindheit und Jugend

Die Familie Zinzendorf stammte aus altem österreichischem Adel, die zur Reformationszeit zum Protestantismus übergetreten war. Der Grossvater siedelte sich während der Gegenreformation in Franken an. Der zweite Sohn, Georg Ludwig, zog nach Sachsen, amtete dort als kurfürstlich-königlicher Konferenzminister und heiratete Charlotte Justine von Gersdorf, die Tochter des Geheimen Ratsdirektors und Landvogts der Oberlausitz und seiner Frau Henriette Katharina.

Nikolaus Ludwig kam am 26. Mai 1700 in Dresden zur Welt. Sechs Wochen später starb der Vater Georg Ludwig. Die Mutter heiratete bald wieder und folgte ihrem neuen Ehemann nach Berlin.

Der kleine Nikolaus Ludwig, genannt "Lutz", wuchs bei seiner Grossmutter Henriette Katharina von Gersdorf (1648-1726) in der Wasserburg bei Hennersdorf, auf dem Gut Grosshennersdorf, in der sächsischen Oberlausitz auf. Die Grossmutter regierte von dort aus drei Dörfer: Grosshennersdorf, Berthelsdorf und Oberberthelsdorf. Henriette Katharina galt als eine der gebildetsten Frauen des 17. Jahrhunderts und gab dem Pietismus mindestens zwei entscheidende Impulse:

sie erzog Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und gab ihm seine geistliche Prägung,

sie trug wesentlich zum Aufbau der Franckeschen Anstalten in Halle bei
Henriette Katharina wurde wesentlich von Philipp Jakob Spener beeinflusst, der 1686 als Oberhofprediger in Dresden wirkte und somit in geografische Erreichbarkeit von Hennersdorf rückte.

Zinzendorf hatte nie eine plötzliche Bekehrung erlebt. Dies warfen ihm später vor allem Pietisten aus Halle vor. Sie behaupteten, er sei kein richtiger Christ, da ihm ein plötzliches Bekehrungserlebnis fehle. Als Mann beschrieb Zinzendorf einmal folgendes Erlebnis, das ihm im Kindesalter widerfuhr:

"Ich lag in meinem achten Jahre eine Nacht lang ohne Schlaf und kam durch ein altes Lied, welches meine Grossfrau-Mutter vor ihrem Schlafengehen gesungen, in eine Meditation, aus derselben ging ein tiefes Spekulieren, und dieses ging soweit, dass mir auf das letzte Hören und Sehen verging."

Lässt man den Liedtext auf sich wirken, kann man sich sehr gut vorstellen, dass er einen Achtjährigen Jungen tief berühren kann:


1. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert das durch die Seele bohrt,
o Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiss vor grosser Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Mein ganz erschrocknes Herz erbebt,
dass mir die Zung am Gaumen klebt.

2. Kein Unglück ist in aller Welt,
das endlich mit der Zeit nicht fällt
und ganz wird aufgehoben.
Die Ewigkeit nur hat kein Ziel,
sie treibet fort und fort ihr Spiel,
lässt nimmer ab zu toben;
ja, wie mein Heiland selber spricht,
aus ihr ist kein Erlösung nicht.

3. O Ewigkeit, du machst mich bang;
o ewig, ewig ist zu lang;
Hier gilt fürwahr kein Scherzen.
Drum wenn ich diese lange Nacht
zusamt der grossen Pein betracht,
erschreck ich recht von Herzen;
denn, wie mein Heiland selber spricht:
"Es stirbt ihr Wurm, ihr Feuer nicht."

4. Ach Gott, wie bist du so gerecht;
wie strafst du einen bösen Knecht
so hart im Pfuhl mit Schmerzen.
Drum, wenn ich diese lange Nacht
zusamt der grossen Pein betracht,
erschreck ich recht von Herzen.
Nichts ist zu finden weit und breit
so schrecklich als die Ewigkeit.

4a. Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf;
ermuntre dich, verlornes Schaf,
und bessre bald dein Leben.
Wach auf, es ist doch hohe Zeit;
es kommt heran die Ewigkeit,
dir deinen Lohn zu geben.
Vielleicht ist heut der letzte Tag.
Wer weiss, wie einer sterben mag.

5. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiss vor grosser Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Nimm du mich, wenn es dir gefällt,
Herr Jesu, in dein Freudenzelt.

Dieses Lied ist im aktuellen Reformierten Gesangbuch der Deutschschweiz, wie auch im Evangelischen Gesangbuch Deutschlands nicht mehr enthalten.

Beim Hören des Liedes durchfluteten Zinzendorf Zweifel an der Existenz Gottes und der Glaube an die Wirklichkeit Gottes entglitt dem aufgelösten jungen Zinzendorf. Seine Verstandeszweifel stellte er in den Hintergrund, vergass sie jedoch nie ganz. Während seines ganzen Lebens haben diese Zweifel ihn immer wieder überfallen, so dass er sich immer wieder mit ihnen befassen musste. Der Achtjährige wehrte sich dagegen, sein Leben mit unfruchtbarem Grübeln zu verbringen und er wollte seinen göttlichen Bruder nicht verlieren.

Der kleine Lutz war kein Wunderkind. Die schulischen Leistungen waren nicht gerade überwältigend. Er gebärdete sich oft wild, ungezogen, trotzig und vorlaut. Im Pietismus begannen die Bemühungen, das Kind als Kind und nicht bloss in einem unwichtigen Übergangsstadium zum Erwachsenwerden zu sehen. Zinzendorf war ein religiös frühwaches Kind. Im Haushalt wurden täglich Andachten mit dem gesamten Gesinde gehalten und an Sonn- und Feiertagen wurden in der Ortskirche Gottesdienste gefeiert. An diesen Anlässen nahm der Knabe regelmässig teil. Die Hauslehrer kamen alle aus Halle. Ein Lehrer nahm Luthers Kleinen Katechismus, neben der Bibel, sehr intensiv mit dem Schüler durch. Zinzendorf bezeichnete ihn später einmal so:

"…ein Meisterstück des grossen Knechtes Gottes, dem der Heilige Geist bei dessen Verfertigung auf das kräftigste beigestanden und ihn regieret habe".

Im Alter von zehn Jahren kam der junge Graf ins Pädagogium Regium nach Halle. Der Familienrat hatte über den Kopf von Henriette Katharina von Gersdorf entschieden. Das Pädagogium in Halle war von August Herrmann Francke gegründet worden und galt als fromme Privatschule. Zinzendorf machte eine schwere Zeit durch. Er hatte Schwierigkeiten mit der Disziplin und die Mitschüler benutzten ihn oft als Sündenbock für Streiche.

Zum Glück fand er auch Freunde, besonders Friedrich von Wattewille, ein Schweizer Adelsspross aus Bern, mit denen er Gemeinschaft im Gebet erfuhr und mit ihnen zusammen nach der Pädagogiumszeit einen "Senfkornorden" gründete. Dieser hatte zum Ziel, alle Heiden zu missionieren, die ihnen August Herrmann Francke noch übriglassen würde. Für Zinzendorf wurde klar, dass in diesem Leben die Fruchtbarkeit eines Christenlebens von der letzten Entscheidung abhängt, das eigene Leben bedingungslos Gott zur Verfügung zu stellen. 1716 verliess der jugendliche Zinzendorf das Pädagogium in Halle und kehrte nach Grosshennersdorf zurück.

Zinzendorf wollte eigentlich Pfarrer werden. Die Grossmutter wusste dies zu verhindern, da es sich zu der damaligen Zeit nicht schickte, dass ein evangelischer Hocharistokrat diesen Beruf erlernte. Er musste Jura studieren, was er in Wittenberg tat. Er erfuhr dort hautnah, wie sich orthodoxe Lutheraner und Pietisten bekämpften und Zinzendorf bemühte sich um Versöhnungsgespräche. Mit 19 Jahren verliess Zinzendorf die Universität um eine Kavaliersreise durch Europa anzutreten. Dabei handelte es sich um eine Bildungsreise, in der man die fortschrittlichen Länder Europas kennen lernte. Auf der Rückreise machte er Station in Süddeutschland, wo er bei Verwandten weilte. Dort lernte er Erdmuthe Dorothea, Reichsgräfin zu Reuss-Ebersdorf, kennen und heiratete sie 1722. Die beiden beschlossen, eine Streiterehe zu führen, d.h. sie wollten ihr Leben in den Dienst für die Sache des Reiches Gottes stellen. Kurz vor ihrer Heirat kaufte Zinzendorf von seiner Grossmutter Gut und Dorf Berthelsdorf.

Der junge Graf wurde sächsischer Hof- und Justizrat in Dresden, dieser Posten wurde nicht entlohnt. Der Dresdner Hof war sehr festfreudig und hatte wohl auch Einfluss auf Zinzendorf zur späteren Gestaltung der unterschiedlichsten geistlichen Festanlässe in Herrnhut.

 
© Anita Zimmerling Enkelmann 1998-2005