Zinzendorf 1750

  Demut

Die Demut gehört bei Zinzendorf zu den grundlegenden Eigenschaften eines Christen, einer Christin, ohne die gemeinschaftliches Tun praktisch unmöglich ist. In einer seiner Londoner Predigten zu Galater 2,20-21 sagte er einmal:

"…sondern ich bin von augenblick zu augenblick absolut dependent von dem, der mir das leben gegeben hat, kein detachirtes, isolirtes leben für sich allein, sondern ein ewiglich geborgtes leben von seinem leben."

In diesem Bewusstsein war Zinzendorf weniger über die Schlechtigkeit des Menschen besorgt, als vielmehr über die hochmütige Präsentation der Gemeine und von Einzelpersonen. Er pflegte zu sagen:

"Wer in spiritu glorioso agiert, ist nicht nur für seine Person unglücklich, sondern alles wird unglücklich, was durch seine Hand geht."

und:

"Das Kunststück, dadurch so kleine Leute solche grosse Dinge tun, besteht darin, dass sie klein sind… Wer vor dem Kampf Triumph singt und mit der Zunge vorausspringt, der kann seine ganze Destination ruinieren. Was ein Bruder in spiritu glorioso in die Hand nimmt, das missrät gerne."

Den Hochmut bezeichnet er als Ursünde, die sich auf eine ganze Gemeinde destruktiv auswirken kann. Diese Gefahren erläutert er am Beispiel Salomos, an dem sich die Verheissungen Gottes auch nicht erfüllt hätten. Zinzendorf empfiehlt die Demut nach dem Vorbild Jesu zu üben. Der Graf widersetzt sich dem Gedanken, dass die Demut die Erkenntnis der Mangelhaftigkeit des Menschen oder seiner Sünden sei. Die Demut besteht auch nicht aus einer Ignoranz der Gnade und Gaben, die Gott einem geschenkt hat, nur um bei Mitmenschen einen demütigen Anschein zu erreichen. Es ist auch keine Demut, wenn man bei sich selber erkennt, diesen und jenen Fehler gemacht zu haben, oder in einer Sache unverständig ist, oder seine Schuldigkeit nicht getan hat. Dann handelt es sich um Billigkeit, Wahrheit und Erkenntlichkeit.

Für Zinzendorf ist die Demut der natürliche Hang zum Klein- oder Nichtssein. Das demütige Herz sucht nicht nach Lob, sondern es soll sich "weitläufig herauslassen", wenn es etwas Gutes an seinen Geschwistern findet.

Ferner äussert sich bei einem solchen Herz eine unüberlegte Schüchternheit, eine Unleidlichkeit in Ansehung des Vorzugs, was zu sein, vornan zu sein, davon man weiter keine Ursache anführen noch es eben einer Bedenklichkeit schuld geben kann. Kurz sich selbst auf der guten Ecke und in einem Spiegel zu sehn, dagegen ist man sehr gleichgültig. Das heisst Demut, und das ist der Charakter des lieben Heilands. Er hatte alles recht gemacht zum höchsten Wohlgefallen seines lieben Vaters und hatte alle Admiration auf sich gezogen, er selber machte wenig aus sich und war von Herzen aus Inklination demütig, die Niedrigkeit hatte was Reizendes für ihn…, hohe Dinge waren sein Werk nicht. Bei allem unserm treuen Kleinsein, bei allem Verlangen, gering und niedrig zu sein, werden wir’s doch nicht dahin bringen, so klein zu sein, wie er war… So wie er in allen Stücken den Vorrang hat…, so ist er auch der Demütigste unter allen und wird’s bleiben."

Dieses Kapitel möchte ich mit einer Aussage Zinzendorfs beenden, in der er sich über die teils hochmütige Haltung der älteren Pietisten äussert.


"Der Fehler der Separatisten und neuerweckten Leute seit 100 Jahren hat darin bestanden, dass sie just das getan, was der Heiland verboten hat, sie haben nämlich das Auswendige gescheuert und das Inwendige gelassen, wie’s war..., sie haben nicht auf die Heiligung, sondern auf die Abschaffung der Dinge gedrungen..."

 
© Anita Zimmerling Enkelmann 1998-2005