Zinzendorf 1740 |
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| Die Frömmigkeit
des Einzelnen und die Gemeinschaft
Da Zinzendorf die individualisierte Beziehung zum Heiland und die den Mitmenschen nicht mitteilbaren wichtigsten religiösen Erlebnisse immer wieder stark betont, kann der Eindruck entstehen, dass dies zu einer gemeinschaftszerstörenden Frömmigkeit führt, die sich nur noch um das Individuum kümmert. Zinzendorf geht von der Mannigfaltigkeit einer Gemeinde aus und bezeichnet dies als eine wesentliche Eigenschaft des Lebens. Jeder und Jede soll mit ihren Gaben der Gemeinschaft dienen und des andern Last mittragen. "Wir mögen die Leute nicht gedrechselt." Es wird dann ernst, wenn das "Herz" verschieden ist. Für Zinzendorf entscheidet sich vor Gott das Schicksal jeder einzelnen Seele nach dem jeweiligen Zustand des Herzens. Deshalb ist die persönliche, individuelle Religiosität des Einzelnen sehr nötig, so wichtig die Gemeinschaft ist. "Das unterscheidet uns von allen Sekten, dass ein jeder den Heiland selbst erfährt und nicht einer dem andern oder etlichen wichtigen Männern die Sache nachredet." "Wir müssen mit dem Heiland in Person bekannt werden, sonst ist alle Theologie nichts. Darin besteht die Brüderreligion…Es ist nicht genug, dass wir ihn gemeinschaftlich loben und haben, sondern ein jeder muss sagen können: Ich bin mit ihm bekannt, meine Seele sagt mir’s." Der Graf ist der Meinung, dass es nicht reicht, wenn die Gemeinde mit einem Mund Gott lobt, das Herz aber verschieden ist. Es reicht nicht, sich einer Konfession, einer Gemeinde anzuschliessen, um sich in Sicherheit und Geborgenheit zu wiegen. Als eine der Ursachen für dieses Verhalten bezeichnet er die Unfähigkeit der meisten Menschen über geistliche Dinge nachzudenken. Darin bestehe auch die Gefahr, dass wenn man in einer Gemeine lebe, man sich zu sehr auf die Gemeinschaft verlässt und man daher nicht auf die persönliche Gemeinschaf mit Jesus achtet. Auch die gemeinsamen liturgischen Anlässe innerhalb der Gemeinschaft dürfen nie als Ersatz für das persönliche Gebet mit dem Heiland angesehen werden. Nur wenn die persönliche Beziehung zu Jesus steht, kann die religiöse Erfahrung in den Versammlungen echt sein. Zinzendorf spricht sich explizit gegen Massensuggestion aus, diese führt zu innerer Unwahrheit. Er meint, es sei dann wie ein Hund, der irgendwo anfängt zu bellen und plötzlich alle andern Hunde in der Umgebung ebenfalls anfangen zu bellen. Damit wollte er gegen das oberflächliche Ergriffenwerden durch den Gesamtgeist ohne persönliche Erfahrung ankämpfen. "Erweckungen und Ermunterungen im Gemüt, die kenn ich. Die sind in Gelegenheiten, wo viele Kinder Gottes beisammen sind, unvermeidlich, beweisen aber nichts." Das erste Kennzeichen einer Gemeinde soll die Liebe all ihrer Glieder zum Heiland sein. Untrennbar dazu gehört die Bruder- resp. Schwesterliebe. Zinzendorf beruft sich dabei auf das Johannes-Evangelium, Kapitel 17, welches er als des Heilands letzten Willen bezeichnet. Darin sei die zärtliche, vertrauliche, übereheliche Liebe aller Kinder Gottes ohne Unterschied der Religionen (Kirchen), der Gaben, des Verstandes, des Nutzens, den man voneinander hat, fundiert. Zinzendorf weist auch auf die notwendige Anwesenheit des Heiligen Geistes in einer Gemeinde hin. Eine Gemeinde und der Heilige Geist sind unzertrennbar miteinander verbunden. Ohne den Heiligen Geist ist eine Gemeinde purer Nonsens und es ist nichts Reales in einer Gemeinde, das nicht von ihm her kommt. Eine Gemeinde kann nicht von Menschen gemacht werden, sondern eine Gemeinde ist Gottes Werk. Zinzendorf geht davon aus, dass wenn Menschen dasselbe lieben, sie sich auch untereinander lieben. Er geht davon aus, dass unmittelbarer Umgang mit dem Heiland dazu führe, dass die Menschen untereinander vertraulich miteinander umgehen, denn sie werden dadurch freudig, bekommen ein reines Herz und haben das Bedürfnis, sich auszusprechen und gegenseitig zu helfen. Dadurch entsteht ein Gemeinschaftsgeist, ohne die eigene religiöse Individualität zu beeinträchtigen. Dieser Gemeinschaftsgeist kann aber nicht von Menschen erzeugt werden, sondern er ist eine göttliche Gabe. Er weist darauf hin, dass ein persönlicher Umgang mit Jesus nichts Mystisches sei, sondern die reale Grundlage für ein tätiges, lebendiges auf andere wirksames Gemeinschaftsleben. Ein bekanntes Zinzendorf-Lied fasst diese Gedanken und Vorstellungen sehr treffend und umfassend zusammen: Herz und Herz vereint zusammen 1. Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh. Lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu. Er das Haupt, wir seine Glieder, er das Licht und wir der Schein, er der Meister, wir die Brüder, er ist unser, wir sind sein. 2. Kommt, ach kommt, ihr Gnadenkinder, und erneuert euren Bund, schwöret unserm Überwinder, Lieb und Treu aus Herzensgrund; und wenn eurer Liebeskette, Festigkeit und Stärke fehlt, o so flehet um die Wette, bis sie Jesus wieder stählt. 3. Legt es unter euch, ihr Glieder, auf so treues Lieben an, dass ein jeder für die Brüder auch das Leben lassen kann. So hat uns der Freund geliebet, so vergoss er dort sein Blut; denkt doch, wie es ihn betrübet, wenn ihr euch selbst Eintrag tut. 4. Halleluja, welche Höhen, welche Tiefen reicher Gnad, dass wir dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat; dass der Vater aller Geister, der der Wunder Abgrund ist, dass du, unsichtbarer Meister, uns so fühlbar nahe bist. 5. Ach du holder Freund, vereine deine dir geweihte Schar, dass sie es so herzlich meine, wie’s dein letzter Wille war. Ja verbinde in der Wahrheit, die du selbst im Wesen bist, alles, was von deiner Klarheit in der Tat erleuchtet ist. 6. Liebe, hast du es geboten, dass man Liebe üben soll, o so mache doch die toten, trägen Geister lebensvoll. Zünde an die Liebesflamme, dass ein jeder sehen kann: wir, als die von einem Stamme, stehen auch für einen Mann. 7. Lass uns so vereinigt werden, wie du mit dem Vater
bist, bis schon hier auf dieser Erden, kein getrenntes Glied mehr ist,
und allein von deinem Brennen nehme unser Licht den Schein; also wird
die Welt erkennen, dass wir deine Jünger sein. |
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©
Anita Zimmerling Enkelmann 1998-2005 |
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